Endlich bin ich in der Nähe der Tibermündung angekommen. Mein Schiff ist vom Pharos und durch seine schon in der Ferne blinkenden Metallspiegel in den Hafen von Ostia geleitet worden. Jetzt wird es an steinernen Pollern vertäut. Auf sicherer Reise haben mich Mannschaft und Kapitän in den letzten langen Wochen von Zypern aus hierhergebracht.

Wie soll ich diesen überwältigenden Anblick beschreiben? Kaum zählbar ist die Anzahl dort ankernder Schiffe. In Säulenhallen ergehen sich vornehm gekleidete Kaufleute, betreten die Lagergebäude, um Waren in Augenschein zu nehmen, die aus- oder eingeführt werden sollen. Schwarz gekleidete Herren folgen ihnen. Sie treiben vielleicht wie bei uns in Galiläa in Herodes’ Auftrag die Steuern, für den römischen Staat den Zoll ein.

Nachdem ich das Schiff verlassen habe, wandert mein Blick an einem hölzernen Rumpf und dort arbeitenden Soldaten vorbei hinüber in eine Halle. Dort wird Getreide gelagert. Rom führt notwendiges Korn aus Ägypten ein, wenn es in Italien eine Missernte gegeben hat.

Ich fühle mich verloren in der gewaltigen Anlage, schaffe es aber, den Kanal zu finden, der Hafen und Tiber verbindet. Auf dem Fluss – und nicht auf der Straße, die ebenfalls nach Rom führt – will ich in Augustus’ Stadt reisen. Ein Mann spricht mich an. Bin ich im Hafenviertel mit seinen Dirnen gelandet?

Durch den Princeps ist die Stadt, wie ich schon in Magdala gehört habe, marmorn geworden. Vorher soll sie hölzern gewesen sein. Tempeldächer leuchten von fern golden in der Nachmittagssonne. Urbs aeterna! Seit Augustus’ Principat gilt das Ewigkeitsmotiv! Die unvergängliche Herrschaft hat ihre Spuren auch in Palästina hinterlassen. Judäa ist von Rom besetzt. Die Hand, mit der ich schreibe, zittert vor Erregung. Ich, eine Jüdin aus Galiläa, vor den Toren der Hauptstadt des Weltreiches.

Die lange Reise über das Meer von Paphos aus hat mich erschöpft. Deshalb mache ich Pause in einer Taverne am Kanal, lasse mir Milchbrötchen und eisgekühltes Wasser bringen, sehe mich nach einem Schiff um. Durch den Kanal wird meine Reise führen, danach flussaufwärts in die Stadt am Tiber. Boote und ein Treidelschiff liegen am Ufer. Die Ruderer verdienen sich gerne den Obolus.

Nachdem ich gemütlich in einem eigens für mich herbeigeschafften Sessel auf dem Schiff, nein, es ist eher ein größerer Kahn, Platz genommen habe, ziehen Häuser und Gärten am Ufer vorüber. Rosen und Efeu ranken, Buchsbäume schmücken Hausportale. Meine Augen können sich nicht sattsehen an dieser Schönheit. Die Silhouette Roms, geprägt durch die berühmten sieben Hügel, rückt näher.

Von den Ruderern weiß ich, dass der Tiber dem Transport von Produkten aus dem Hinterland nach Rom dient. Auch werden Handelsgüter stromabwärts auf ihm verschifft, danach über das Meer in römische Provinzen geliefert. Flussaufwärts erreichen Schiffe, beladen mit exotischen Erzeugnissen aus fernen Ländern, die Hauptstadt der Römer.

In der Erinnerung taucht der See Genesareth auf, das Leben mit den Fischern, mein Schwimmen um deren Boote herum. Wasser bedeutet für mich Freiheit. Oft habe ich sie in Galiläa nur dort verspürt.

Das Stadtgebiet soll malariagefährdet sein? Der Fluss tritt immer wieder über das Ufer? Etliche Hochwasser haben Häuser und Brücken zerstört? Diese Gedanken werden zurückgedrängt vom Anblick des dem Staatsgott Jupiter geweihten Tempels, herausragend platziert auf einem der Hügel. Palatin heißt der danebenliegende. Dort fällt der von Princeps Augustus erbaute Palast auf, gleicht er doch den ausgebreiteten Fingern der Hand. In der Nachmittagssonne weiß schimmernde Landhäuser thronen daneben, Gärten umsäumen sie. Senatoren und Ritter wohnen dort.

Eine Flussinsel und die dazu gehörende Anlegestelle tauchen auf. Für mich eine Möglichkeit, das Boot zu verlassen. Die nächste Station meiner Reise, Rom, ist erreicht. Die Männer winken, lachen und rufen:

 »Komme wieder, wir rudern dich zurück! «

 Über eine Brücke erreiche ich den ersten Stadtteil, steige in eine Sänfte. Weinschänken und andere Orte der Lustbarkeit, sicher auch gerne genutzt von den Vornehmen auf den Hügeln, fallen mir auf. Die Stände der Händler reizen mich, zu Fuß zu gehen, um die angebotenen Waren anzuschauen. In Magdala habe ich nur das verkaufen können, was in Galiläa hergestellt worden ist. Hier wird offenbar alles, was das gesamte Römische Reich an eigenen und fremden Waren anzubieten hat, auf den Tischen angeboten.

Rom ist ein Ort der Sehnsucht für viele. Eine Stadt, in der sich offenbar zu leben lohnt. Ein Sehnsuchtsort? Auch für mich? Wo leben all die, die Römer durch Geburt sind oder die, denen das Bürgerrecht verliehen worden ist, in dieser Millionenstadt? Ich kenne nur Magdala und Paphos. Nicht einmal in Jerusalem bin ich gewesen.

Der Weg führt mich an mehrstöckigen Häusern vorbei. Dem Schwall Flüssigkeit, von oben aus einer der Wohnungen geschüttet, kann ich knapp ausweichen. Der Geruch lässt mich vermuten, dass es Urin ist. Die Römer schütten ihre Exkremente auf die Straße? Offenbar gibt es zwar Wasserleitungen, aber keine Abwasserleitungen. Doch kein Ort der Sehnsucht für mich? So schnell lasse ich mich aber nicht erschüttern.

Hinter dem geöffneten Fenster im Erdgeschoss des nächsten mehrstöckigen Wohngebäudes wird in einer über offenem Feuer brutzelnden Kochpfanne Essen zubereitet. Die Köchin sieht meinen neugierigen Blick, lädt mich in ihre Wohnung ein. Klein ist die Behausung. Sie lebe dort mit Mann und fünf Kindern. Wovon bezahlt die Familie ihren Lebensunterhalt? Ihr Mann arbeite im Hafen, sie putze in einigen Häusern auf den Hügeln. Es helfe, dass der neue Beamte zweimal im Monat Getreide und Öl kostenlos verteile. Nur deshalb könne sie sich an seinen Namen erinnern: Pilatus. Ich denke daran, dass er meine Freundin aus Galiläa, Claudia, heiraten wird.

Lucius, der Älteste der Söhne, nimmt meinem Besuch in der Stadt jegliche Romantik:

»Wegen der offenen Feuer sind Brände häufig. Die Bewohner der Hügel müssen keine Gefährdung fürchten, aber wir hier unten in den schmalen Gassen, wo das Feuer es leicht hat, sich wegen der eng stehenden Häuser auszubreiten, sind gefährdet. Oft stürzen Gebäude ein, weil sie schlecht gebaut sind. Die Zerstörung wird begünstigt durch vom Tiber verursachte Überschwemmungen. «

Rom, ein Sehnsuchtsort? Zweifel machen sich breit.

Lucius kämpft als Soldat in einer der Legionen in Germanien. Des Soldes wegen ist er in die Armee Roms eingetreten. Das Geld wird die Mutter von ihm für den Lehrer erhalten, der den jüngeren Geschwistern in einer der privaten Schulen Schreiben und Lesen beibringen soll. Zusammen mit anderen durch körperliche Züchtigung im Zaum gehaltenen Jugendlichen. Arm ist die Familie. Meine ist wohlhabend, ich bin es auch. Aber solch einen Zusammenhalt hat es bei uns nie gegeben.

Der Sohn lädt mich zur Hauptmahlzeit am Nachmittag ein, ich nenne meinen Namen. Die Mutter reicht Brot, Brei, mit etwas Öl beträufelt, Lucius füllt Wasser ab zum Trinken aus der Leitung im Erdgeschoss. Nur dort gibt es eine. Die Menschen in den oberen Etagen müssen hinunterlaufen, um Wasser abzufüllen. Das begünstigt Brände zusätzlich. Von rechtzeitigem Löschen kann dann nicht die Rede sein.

Spartanisch ist die überwiegend aus Truhe und Tisch bestehende Möblierung. Wo sind Betten? Eines, ein kurzes wegen des geringen Platzes, steht ganz hinten. Vielleicht nutzen es die Eltern. Alle andern schlafen dann auf dem Boden?

Auch hier ist bei mir in Vergessenheit geraten, dass ich eigentlich besonderen Glaubensgesetzen gehorchen müsste. Meine Herkunft habe ich schon beim Betreten dieser römischen Wohnung verleugnet. Als Jüdin darf ich die Häuser Andersgläubiger nicht aufsuchen, geschweige denn dort essen. Mein Wunsch, ein anderes Leben kennenzulernen, lässt mich offenbar jüdische Regeln nicht beachten. Vielleicht habe ich auch wegen der vielen religiösen Verbote Galiläa verlassen. Eingeengt wird das Leben des Einzelnen durch vom jüdischen Glauben gesetzte Regeln.

Etwas Wein spendet der Vater. Er hat inzwischen seinen in der Nacht begonnenen Arbeitstag im Hafen beendet. Die Gastfreundschaft der Familie freut mich. Neugierde spricht aus der Frage des Sohnes nach meiner Herkunft. Die feine Kleidung, die Sprache – Lateinisch zwar, aber mit einem unbekannten Zungenschlag - ist ihm aufgefallen. Gerne kläre ich die römische Familie über meine sie nicht überraschende jüdische Abstammung auf, nenne Magdala in Galiläa als Herkunftsort. Ich erzähle auch, dass ich alleine unterwegs bin, und dass die Reise mit Unterbrechungen bisher fast vier Jahre gedauert hat. Die Auskünfte rufen bei meinen Gastgebern Bewunderung hervor.

Sie wissen von der großen jüdischen Gemeinde in Rom. Ob ich zu ihr gehen würde? Dort werde aber nicht die Lingua Latina gesprochen. Ich weiß, dass die Juden in Rom getrennt von ihrer römischen Umgebung leben. Aramäisch ist deren Sprache. Meine ja auch.

Unbehelligt leben wir Juden in Galiläa unsere religiösen Sitten. Und hier? Hier seien manche ihrer Regeln oft genug Anstoß für Aktionen des Herrschers, wie der Sohn feststellt. Die Staatsmacht habe Juden dann aus der Stadt auf irgendeine Insel transportiert. Dort hätten sie sich damit beschäftigen müssen, gleichsam als Soldaten, Räuber einzufangen. Was für eine Katastrophe müssen diese Befehle für meine Glaubensbrüder gewesen sein! Für sie, die grundsätzlich keinen Militärdienst leisten.

Dass ich eine Jüdin bin, die offenbar nicht nach Rom gekommen ist, um hier Mitglieder ihrer Gemeinde zu besuchen, löst bei den Gastgebern zusätzlich Erstaunen aus. Mein Aufbruch verhindert weiteres Nachfragen. Einen Silberdenar lege ich der Mutter beim Abschied in die Hand. Ungläubig schaut sie darauf. Vale.

Enge, gepflasterte Straßen sind jetzt mein Weg. Tische und Buden der Händler verringern den Platz zusätzlich. Von den freundlichen Gastgebern weiß ich, dass tagsüber dort Händlerkarren verboten sind, nur nachts dürfen sie herumrattern. Eine Bestimmung, die angesichts der Pflasterung nur wenig Schlaf zulässt. Gestank, Lärm, Armut umgibt mich. Aber viele wollen nach Rom. Keiner will weg. Denn es gibt Gärten für alle. Und kostenfreies Getreide, auch Öl, wie mir inzwischen bekannt ist.

Ich habe außerdem erfahren, dass Theater und Circus das Volk unterhalten, Dichterlesungen die Gebildeten in ihren Häusern auf den Hügeln erfreuen. Vom Mief der Unterstadt werden Aristokratie und Ritter dort wohl nicht belästigt. Eigene Gärten, private Bäder, Diener, Sklaven tragen zum Wohlgefühl bei. Besser kann die Oberschicht nicht leben. Ist das die von mir ersehnte Freiheit?

Die durch Augustus aufgestellte Sonnenuhr zeigt mir an, dass ich mich beeilen muss, um Claudia, Princeps Tiberius’ Tochter, und den Ritter Pilatus bei Tageslicht noch zu erreichen. Sie zu besuchen, das ist auch ein Grund für meinen Romaufenthalt.

Einen auf dem Marsfeld stehenden Wagen besteige ich, da mir der Ort des Stadthauses, in dem Claudia mit ihrem zukünftigen Ehemann Pilatus wohnt, nicht bekannt ist. Das Gefährt steht neben einem Isistempel. Der Namen der Gottheit wird mir vom Betreiber meines Fahrzeuges genannt. Ein Tempel der Göttin Isis? Auch dem Osiris geweiht? Ein ägyptischer Kult, der Sonnengötter verehrt? Die römischen Frauen huldigten der Isis, so der Mann. Er fahre sie immer wieder zum Tempel. Ob Claudia die Sonnengottheit auch anbetet?

 Der Wagenlenker denkt kurz nach, als ich nach Pilatus’ Haus frage. Schließlich nickt er. Ich erfahre, dass der römische Beamte in einem prunkvollen Gebäude in der Nähe des jetzt von Princeps Tiberius bewohnten Augustuspalastes auf dem Palatin wohnt.

 Der Aufstieg dauert lange. Obgleich Maultier und Mann sich an diesem immer noch heißen Abend redlich abmühen. Endlich haben er und das Tier den Weg geschafft. Der Betreiber deutet auf einen prächtigen Eingang und nickt. Wir sind da. Mein Obolus entschädigt ihn für die Anstrengung.

Ich betrete den Garten, fühle dankbar die von den Bäumen gespendete Kühle. Die Pracht des säulengesäumten Haupteingangs und die dort aufgestellten Statuen kann ich nur kurz bestaunen. Ein Sklave, der mich offenbar schon seit dem Betreten des Gartens beobachtet hat, tritt jetzt nah an mich heran, versperrt mir durch seine Größe die Sicht. Offenbar lässt sein Hinweis, dass ein Gast fast schon im Vestibül stehe, Claudia herausstürzen...

 

 

 

...Maria, Lea, Claudia und deren ägyptische Dienerin lassen sich auf der Burg Antonia in Jerusalem von einem Soldaten beim Präfekten anmelden. Mitten in Konflikten mit dem Sanhedrin sieht Pilatus endlich seine Frau wieder. Einen Arm wegen ihres gebrechlichen Aussehens schützend um sie gelegt, geht er mit ihr in private Räume. Antonia, die ihm aus Rom bekannt ist, übernimmt die Versorgung Claudias. Und die beiden anderen Besucherinnen? Sie sollen sich zurückziehen. Maria schüttelt den Kopf. Aus der Burg können die Frauen nicht einfach gewiesen werden, denn draußen ist ganz Jerusalem auf den Beinen.

Normalerweise ist Pilatus sofort nach Caesarea zurückgereist, wenn seine Amtspflichten erfüllt sind. Dieses Mal allerdings zwingt ihn ein Ansinnen des Sanhedrinvorsitzenden in Jerusalem, Kaiphas, den Arbeitsaufenthalt zu verlängern. Der Römer solle sich mit dem Prediger Jeschua beschäftigen. Wenn er dem folgt, dann droht der Tagesablauf in Unordnung zu geraten, und der Aufenthalt mit seiner Frau in der privaten Residenz muss warten. Eigentlich soll seine Zeit überwiegend Claudia gehören. Die syrische Sklavin, die ihm das Frühstück bereitet, und die Pilatus mit ihrer Erfahrung in der körperlichen Liebe beeindrucken will, ist keine Konkurrenz für seine Frau und deren zarte Haut.

Die Unruhe vor den Räumen nimmt zu. Im Gesicht des Präfekten steht Ärger, als er zu den beiden Frauen schaut, die immer noch an einer Wand gelehnt in seinem Empfangszimmer stehen. Dann stürmt auch noch Kaiphas herein, regt sich lautstark darüber auf, dass dieser herumreisende Prediger Jeschua nicht geantwortet habe, als er nach der Festnahme befragt worden sei. Weitere Angehörige des Sanhedrins folgen Kaiphas, nicken beifällig. Der Präfekt grinst. Endlich ist der betuliche jüdische Priester einmal selbst aus der Haut gefahren.

Oft genug hat Pilatus bei Kaiphas’ Vortrag über den einzigen Gott der Juden nur leise aufstöhnen können. Belehrungen über Speisegesetze, den siebten Tag als Ruhetag, die Beschneidung der Männer, über das Diktum: keine Ehe mit Fremden haben sich angeschlossen. Er wisse jetzt genug darüber, hat Pilatus seinem Gegenüber mitgeteilt. Die Soldaten, die Kaiphas’ Wortschwall mitgehört haben, spotten über den siebten freien Tag, der für sie versäumte Arbeitszeit ist. Einige lachen wegen der Beschneidung.

Kaiphas steht mit hochrotem Gesicht dicht vor Pilatus. Der Präfekt müsse sich jetzt endlich zu den gegen den jüdischen Prediger gerichteten Vorwürfen äußern.

»Was habe ich, ein römischer Beamter in Judäa mit eurem Jeschua zu tun? Macht doch mit ihm, was ihr wollt. «

Er schiebt den Sanhedrinvorsitzenden von sich weg. Als Richter sei der Präfekt gefragt. Als Richter? Pilatus greift nach einigen Rollen Papyri auf seinem Schreibtisch, sie fallen ihm aus der Hand, breiten sich auf dem Boden aus, ein Schreibsklave wird gerufen. Der junge Römer eilt heran, beginnt damit, alles einzusammeln.

Das Todesurteil über den Prediger solle Pilatus bestätigen. Das Todesurteil bestätigen? Welches Urteil? Einen Prozess unter römischem Recht habe er nicht geführt. Deshalb könne es auch kein Urteil geben! Er, ein Diener des Sanhedrins? Pilatus ballt die Fäuste.

Jetzt brüllt die Menschenmenge vor seinem Palast so laut, dass er den Lärm nicht mehr überhören kann. Der Präfekt tritt vor das Gebäude. Kaiphas und seine Ratskollegen lassen ihn nicht aus den Augen, folgen ihm. Der gesamte Platz ist angefüllt mit wild gestikulierenden Menschen. Auch der Nazarener steht gut bewacht in einer Ecke. Sein schmutziges Gewand ist von Blutflecken übersät. Offenbar ist er verprügelt worden. Einige der Umstehenden schlagen auch jetzt immer wieder mit Stöcken auf den Gefangenen ein.

Pilatus nimmt auf dem Richterstuhl Platz. Kaiphas steht direkt neben ihm. Also dann: Was hat der Angeklagte verbrochen? Landfriedensbruch. Dann gebt ihm – na ja - die übliche Anzahl Peitschenhiebe. Manche nennen ihn König der Juden! Wer nennt ihn so? Was sagt er von sich? Hat dieser Nazarener damit das aufruhrähnliche Zusammenrotten verursacht? Das wäre ein Verbrechen und würde, da es gegen die Macht Roms in Judäa gerichtet ist, seinen Tod bedeuten. Das Volk beklatscht Pilatus’ Vorschlag. Kaiphas schaut mürrisch.

Der Schreibsklave trägt die aufgesammelten Papyrusrollen seinem Herrn vor den Amtssitz nach, übergibt die Akte Jeschuas. Pilatus will die Schriften, die schon lange unberührt herumgelegen haben, ohne störendes Geschrei lesen. Also: zurück an den Schreibtisch! Die Menschen auf dem Platz brüllen ihren Unmut über die Unterbrechung heraus. Das Hinterherlaufen des Sanhedrins wehrt Pilatus ab.

Wunder solle der Prediger vollbracht und Geister ausgetrieben haben. Na und! Das machen viele hier. Kein Grund, ihn zu töten. Für die Armen, die Ausgestoßenen und Kranken habe er sich stark gemacht. Nur die würden in den Himmel kommen, die Reichen nicht. Ist der Himmel ein Ort zum Wohnen? Pilatus schaut nach oben, kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Absurd ist das, was dieser von seinen Anhängern auch zum Messias Erkorene von sich gibt. Sein Zeigefinger klopft im Stakkato auf irgendeinem Abschnitt im Text der Akte herum.

Warum verhält sich die Priesterschaft derartig aggressiv diesem schmalen Mann gegenüber? Mit seinen kurzen, dunklen Locken sieht er so aus wie fast alle Männer in Palästina. König der Juden? Pilatus schüttelt den Kopf. Ein wirrer Mensch! Den fürchtet der Sanhedrin? Kann so einer politisch gefährlich werden? Aufruhr anstacheln? Nein!

Warum soll er das Gezerre um diesen Möchtegernmessias ernst nehmen? Aus Nazareth stammt Jeschua! Der Ort liegt in Galiläa. Hier in Judäa ist Pilatus als Präfekt für den Nazarener gar nicht zuständig! Zu Herodes mit ihm!

 Aber der galiläische Herrscher hat den Gefangenen umgehend nach Jerusalem zurückgeschickt. Nachdem der Angeklagte Herodes’ Fragen mit Schweigen beantwortet habe, sei der König wütend geworden. Er halte den Galiläer für blöde. Nicht einmal ein kleines Wunder sei vom Angeklagten vollbracht worden. So habe Herodes erwartet, dass ihm ein Mittagessen hergebetet würde. Grinsend berichten darüber die aus Tiberias zurückgekehrten Bewacher dem Präfekten.

Gegen seinen Willen muss Pilatus sich wieder mit dem Nazarener beschäftigen. Das Gebrüll von draußen erinnert ihn daran, dass schon wieder fast ganz Jerusalem und dessen gesamte Priesterschaft auf dem Platz vor seinem Palast stehen. Dem Präfekten obliegt die Blutgerichtsbarkeit. Muss er deshalb handeln?

Furcht wollen ihm offenbar alle einjagen. Ihm, dem Ritter, dem erfolgreichen Soldaten in Germanien und im Osten des Römischen Reiches. Gemeinsam mit Tiberius, dem jetzigen Princeps hat er gekämpft, ist verheiratet mit dessen Tochter.

Pilatus nimmt sich trotz des Gebrülls Zeit, um im Amtszimmer mit dem Angeklagten, der auf seinen Befehl hin vor ihn geschleppt worden ist, zu sprechen. Die Vernehmung des Nazareners ist unergiebig. Fragen beantwortet dieser mit Gegenfragen. Als ob er, der über ihn richten soll, darauf antworten würde. Also ist Schluss mit der Fragerei. Die Soldaten führen den Mann wieder hinaus.

Lea und Maria stehen beide noch im Amtszimmer, haben den Prediger beobachtet.

Derartig viele Menschen rotten sich wegen diesem zerbrechlich wirkenden Mann zusammen. Warum?

Marias Finger fragen.

Pilatus lehnt einen Prozess ab. Keine Taten, die ihn dazu bewegen würden, einen solchen zu beginnen, hat dieser Jeschua aus seiner Sicht begangen. Geschweige denn, dass sie eine Verurteilung begründen würden. Und Rom? Wie wird es sich in der Sache des Nazareners verhalten? Würde die Hauptstadt sie überhaupt zur Kenntnis nehmen? Wahrscheinlich nicht. Pilatus umkreist den Tisch, klopft mit einem zusammengerollten Papyrus beim Gehen immer wieder auf die Schreibtischplatte.

Ich muss noch einmal über alles nachdenken. Hier geht es nicht nur um einen einzelnen Wanderprediger mit einigem Anhang, sondern um den Frieden im besetzten Judäa. Rom fordert diese Ruhe nachdrücklich.

Wie lauten die Vorwürfe, die die jüdischen Priester dem Prediger gegenüber erheben? Vorrangig bezichtigen sie ihn des Aufruhrs! Wenn politisch begründet, ist dies ein Grund für Rom gegen den Angeklagten vorzugehen, ihn kreuzigen zu lassen. Eine im gesamten Reich übliche Hinrichtungsart, an vielen Gefangenen hier in Judäa praktiziert.

Aber wer hat den Aufruhr verursacht? Nach meiner Kenntnis nicht der Nazarener. Diejenigen, die ihm hinterherlaufen und ihn König der Juden, Messias und Sohn Gottes nennen, sind eher verantwortlich. Sie stehen aber nicht schreiend vor mir...